„Ja” oder „Nein” – das klingt nach der ganzen Wahrheit über Zustimmung. Ist es aber nicht. Zwei Menschen können sich beide mit Ja einverstanden erklären und trotzdem sehr unterschiedliche Dinge tun: Die eine berührt, weil sie berühren möchte. Die andere lässt sich berühren, weil sie es dem anderen ermöglichen möchte. Beides ist „Ja” – und trotzdem etwas völlig anderes.
Die Sexualpädagogin und Somatik-Lehrerin Betty Martin hat dafür ein einfaches, aber ungewöhnlich klärendes Modell entwickelt: das Wheel of Consent (Rad des Einvernehmens). Es beantwortet nicht nur die Frage „Ja oder Nein?”, sondern zwei ganz andere Fragen zugleich – und genau darin liegt sein Wert.
- Wer tut die Handlung? (Wer bewegt sich – die eine Person oder die andere?)
- Wer profitiert davon? (Für wen ist es in erster Linie schön – für die handelnde Person oder für die andere?)
Aus diesen zwei Achsen ergeben sich vier Felder, vier Quadranten. Jeder beschreibt eine klare, in sich stimmige Rolle. Keine ist besser als eine andere – sie sind einfach verschieden, und Klarheit entsteht, wenn beide Beteiligten wissen, in welchem Quadranten sie gerade sind.
Dienen (Serving) – Ich tue etwas, für dich. Du handelst, aber der Nutzen liegt bei der anderen Person.
Du massierst dem Partner die Schultern, weil er sich das wünscht und du ihm damit eine Freude machen willst. Alltagsbeispiel: Du kochst dem müden Freund ein Essen, weil du weißt, dass es ihm guttut – nicht weil du selbst hungrig bist.
Nehmen (Taking) – Ich tue etwas, für mich. Du umarmst jemanden, weil du gerade Nähe brauchst. Du handelst, und der Nutzen liegt bei dir. Alltagsbeispiel: Du bittest um eine Rückenmassage, weil dein Rücken schmerzt – und die andere Person führt sie aus, weil du gefragt hast, nicht weil sie selbst das Bedürfnis dazu hätte.
Empfangen (Accepting) – Du tust etwas, für mich. Jemand schenkt dir eine Massage, und du lässt sie geschehen – als Geschenk, das du annimmst. Die andere Person handelt, du profitierst. Alltagsbeispiel: Ein Freund bringt dir ungefragt Tee ans Bett, weil er dich pflegen will, und du nimmst es dankbar an.
Erlauben (Allowing) – Du tust etwas, für dich, an mir. Du lässt zu, dass jemand dich berührt, weil er das Bedürfnis danach hat – du selbst willst nicht unbedingt berührt werden, aber du gönnst es der anderen Person, dich dafür zu nutzen. Die andere Person handelt und profitiert, du stellst dich zur Verfügung. Alltagsbeispiel: Du lässt zu, dass dein Kind an dir herumklettert und dich als Kletterfelsen benutzt, weil es das gerade braucht – nicht weil du selbst Lust auf Klettern hättest.
Vier Felder, vier ehrliche Antworten auf die Frage „Warum berühren wir uns gerade?” – jenseits von richtig oder falsch.
Zwei Menschen einigen sich auf eine Berührungsart (zum Beispiel Hand oder Schulter) und stellen sich abwechselnd zwei Fragen:
- „Wie möchtest du von mir berührt werden?” (die berührende Person nimmt – Taking)
- „Wie möchte ich dich berühren?” (die berührte Person erlaubt – Allowing)
Jede Runde dauert drei Minuten, endet mit einem bewussten „Danke” – und danach wird gewechselt. Klein, konkret, aber wirkungsvoll: Weil beide Personen erleben, wie sich die vier Rollen unterschiedlich anfühlen, statt nur darüber zu reden.
Wichtige Punkte für die Praxis:
- Grenzen klären: Respektiere die Grenzen des anderen.
- Langsamkeit: Nimm dir Zeit, um die Berührung wahrzunehmen.
- Dankbarkeit: Sage „Danke” nach jeder Runde.
- Einvernehmen: Achte darauf, dass beide sich wohlfühlen.
Weiterführende Handouts auf Deutsch:
- Das Konsens-Rad als PDF
- Das Drei-Minuten-Spiel als PDF
- Weitere Materialien im Original: wheelofconsent.org/free-handouts
Die eigentliche Arbeit findet im Nervensystem statt: Kannst du in dem Moment spüren, ob du gerade nimmst oder dienst? Merkst du den kleinen Unterschied zwischen „ich lasse es zu, weil ich es will” und „ich lasse es zu, weil ich nicht Nein sagen wollte”? Das ist keine Kopfarbeit, das ist Körperwahrnehmung – Interozeption, wie es in der Traumaforschung heißt.
Genau deshalb ist das Wheel of Consent für Körperarbeit und für Playfight so zentral. In spielerischer, kräftiger Begegnung – Ringen, Schieben, Drücken – verwischen Nehmen und Geben leicht, wenn man nur auf der Verstandesebene bleibt. Das Modell gibt eine Sprache und eine Übung, um in Echtzeit zu klären: Wer bewegt sich gerade, und für wen? Das schafft nicht weniger Intensität, sondern mehr Vertrauen – weil beide Seiten wissen, in welcher Rolle sie sind.
In Kreis & Kontakt und in der Einzelbegleitung wird das Wheel of Consent körperlich erfahrbar.
Quellen
- Betty Martin: bettymartin.org – Website der Entwicklerin des Modells, mit Materialien und Hintergrund.
- Betty Martin, Robyn Dalzen: The Art of Receiving and Giving: The Wheel of Consent, 2021.
Ressourcen
Contact Improvisation
Tanzform ohne Choreographie: Zwei Körper teilen einen Kontaktpunkt, geben und nehmen Gewicht – gespürt statt geplant.
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Literaturempfehlung
Gemeinsam öffnen folgende Bücher einen Erfahrungsraum, in dem Feldenkrais, Buteyko, Grof und mehr leise mitdenken – als Hintergrund, nicht als Methode.
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