Ich benutze “Nervensystem” oft wie einen Sammelbegriff – für alles zwischen Alarm und Sicherheit, Anspannung und Lösung. Bequem, aber ungenau. In der Körperarbeit werden darunter meist drei unterschiedliche Theorien verschmolzen, die nicht dasselbe behaupten und nicht gleich gut belegt sind. Zeit, sie zu trennen.
1. Das Nervensystem im engeren Sinn ist ein anatomischer Begriff: die Gesamtheit aller Neuronen, vom Rückenmark über den Hirnstamm bis zum Cortex, plus das autonome Nervensystem (Sympathikus, Parasympathikus). Strukturell klar, aber inhaltsleer – er sagt nichts darüber, wo genau ein Gefühl entsteht.
2. Die Polyvagal-Theorie (Stephen Porges) wäre, so ließe sich sagen, das, was die meisten Körperarbeiter meinen, wenn sie von “Nervensystemregulation” sprechen: ventral-vagale Sicherheit, sympathische Mobilisierung, dorsal-vagaler Shutdown – laienverständlich aufbereitet etwa als „polyvagale Leiter“ auf dis-sos.com. Klinisch populär, als Landkarte für Zustände womöglich nützlich – aber wissenschaftlich zunehmend unter Druck. 2026 hat eine große Kritik von 39 Autoren um Paul Grossman zentrale physiologische Annahmen der Theorie infrage gestellt: dass sich ventraler und dorsaler Vagusnerv anatomisch so sauber trennen lassen, wie Porges behauptet, gilt inzwischen als kaum noch haltbar, ebenso die evolutionsbiologische Reptil/Säugetier-Dichotomie, auf der die Theorie aufzubauen scheint. Porges widerspricht der Kritik, der Streit läuft.
3. Die affektive Neurowissenschaft (Jaak Panksepp, weitergeführt von Mark Solms) behauptet etwas anderes – und ist empirisch anders fundiert, härter, direkter: keine graduellen Zustände, sondern sieben konkrete, subkortikal verankerte Emotionssysteme – SEEKING, RAGE, FEAR, LUST, CARE, PANIC/GRIEF, PLAY. Jedes wurde über elektrische Hirnstimulation, Läsionsstudien und Pharmakologie in Tiermodellen lokalisiert, scharf, reproduzierbar. Das ist eine andere Art von Beleg als Porges’ Theorie – näher an der vergleichenden Neurobiologie, mit mehr Anerkennung im Fach, wenn auch nicht unumstritten (u. a. Kritik von Lisa Feldman Barrett, die Emotionen als situativ konstruiert statt als fest verdrahtet versteht).
Mark Solms geht über Panksepp hinaus und behauptet: Nicht nur Emotion, sondern Bewusstsein selbst ist primär affektiv, nicht kognitiv. Es entsteht in spezifischen Hirnstamm-Arealen – vor allem im periaquäduktalen Grau (PAG) und im retikulären Aktivierungssystem (RAS) – nicht im Cortex.
Der Beleg: Kinder mit Hydranenzephalie (ohne Großhirnrinde geboren) zeigen volles emotionales Ausdrucksverhalten – Freude, Angst, Zuneigung. Wird dagegen der Hirnstamm geschädigt, erlischt Bewusstsein vollständig, selbst bei intaktem Cortex. Der Cortex liefert Wahrnehmungs- und Denkinhalt – dass überhaupt etwas fühlbar ist, kommt aus dem Hirnstamm. Auch das ist eine Minderheitsposition, kein Konsens.
Hier wird es für meine Arbeit konkret. Panksepps PLAY-System ist keine Metapher, sondern neuroanatomisch benennbar: Der Parafaszikularkern (Pf) im Thalamus ist zentral für Rough-and-Tumble-Play. Läsionen dort löschen selektiv Spielverhalten (Pinning, dorsale Kontakte) um bis zu 73 % – ohne andere komplexe Verhaltensweisen wie Nahrungssuche zu beeinträchtigen. Das System verarbeitet Berührungsreize aus dem Rückenmark und ist mit PAG und Amygdala gekoppelt. Panksepp selbst betont: Spiel ist fragil, es entsteht nur, wenn ein Organismus sich sicher, geborgen und wohl fühlt.
Das ist exakt die Bedingung, unter der PlayFight funktioniert: Kontakt, Kraft, Grenze – aber nur im Rahmen, der Sicherheit trägt. Nicht “Nervensystem beruhigen” im vagen Sinne, den Porges nahelegt, sondern gezielte, körperliche Auseinandersetzung mit einem spezifischen, vergleichsweise gut belegten Emotionssystem.
Panksepps PANIC/GRIEF-System reguliert Trennungsschmerz und Bindungsverlust, das CARE-System Fürsorge und Bindung. Beide werden in der frühesten Erfahrung – Geburt, erste Trennung, erster Kontakt – kalibriert. Was in körperorientierter Prozessarbeit – etwa im AtemDialog – berührt wird, ist keine diffuse “Nervensystem-Prägung”, sondern die früheste Eichung genau dieser beiden Systeme. Wie früh diese Prägung tatsächlich beginnt, beschreibe ich in Geburt & Prägung.
Die vertikale Achse, von der ich im Atemdialog spreche – zwischen dem, was im Körper aufsteigt, und dem, was oben ankommt und verstanden werden will – ist im Kern Solms’ Unterscheidung zwischen affektivem Bewusstsein (Hirnstamm) und kognitiver Verarbeitung (Cortex). Atem als Vermittler zwischen beiden Ebenen, nicht als Technik zur Beruhigung eines vagen “Nervensystems”.
Drei Theorien, drei Evidenzgrade: Polyvagal populär, aber 2026 durch eine breite Autorenkritik ernsthaft infrage gestellt. Panksepps Emotionssysteme empirisch solider, aber nicht unbestritten. Solms’ Bewusstseinstheorie eine Minderheitsposition, selbst innerhalb der affektiven Neurowissenschaft. Ich nutze sie als Landkarte für meine Praxis – nicht, weil sie bewiesen sind, sondern weil sie präziser fragen lassen, was in einem Raum eigentlich geschieht.
Quellen
- Mark Solms’ theory of consciousness – selfawarepatterns.com
- The matter of consciousness – UCT Neuroscience Institute
- Selected Principles of Pankseppian Affective Neuroscience – Frontiers in Neuroscience
- A Brain Motivated to Play: Insights into the Neurobiology of Playfulness – PMC
- In search of the neurobiological substrates for social playfulness in mammalian brains – PubMed
- Critical Discussion of Polyvagal Theory – Polyvagal Institute
- Polyvagal Theory Has Not Been “Debunked” – Psychology Today