Nur noch eine Folge. Nur noch ein Glas. Nur noch kurz aufs Handy, nur noch diese eine Mail, nur noch ein Blick in den Kühlschrank, obwohl Du weißt, was drin ist. Der Moment ist unspektakulär – kein Drama, kein Absturz, nur diese kleine Handbewegung, die Du heute schon dreißigmal gemacht hast. Und irgendwann, meist nachts, die Frage, die Menschen tatsächlich googeln: „Warum kann ich nicht aufhören?”
Die ehrlichere Frage ist eine andere.
Sucht ist kein moralisches Versagen und keine Charakterschwäche – meist ist sie ein Lösungsversuch. Der Suchtmediziner Gabor Maté hat es auf die Formel gebracht: Frag nicht, warum die Sucht – frag, warum der Schmerz.
Dieser Schmerz hat oft einen langen Vorlauf. Frühe Prägungen – das Fehlen verlässlicher Bindung, anhaltende Kritik, Erfahrungen von Überforderung, die nicht aufgefangen wurden – hinterlassen Spuren im Stresssystem und in den emotionalen Grundschaltkreisen, etwa der Amygdala. Der bekannteste Beleg ist die ACE-Studie von Vincent Felitti: Je mehr belastende Kindheitserfahrungen ein Mensch mitbringt, desto steiler steigt statistisch das Risiko für spätere Abhängigkeit – dosisabhängig, wie bei kaum einem anderen Zusammenhang in der Epidemiologie.
Das Tückische: Viele Betroffene nehmen diesen Schmerz gar nicht als Schmerz wahr. Was bleibt, ist eine konstante, diffuse Anspannung ohne erkennbaren Ursprung – ein Grundrauschen, das sich anfühlt wie „so bin ich eben”. Wer nie etwas anderes gekannt hat, hält den Alarmzustand für Normalität. Und ein Signal, das nicht als Signal erkannt wird, sucht sich einen anderen Weg, um behandelt zu werden.
Nur noch eine Folge.
Die Forschung von Kent Berridge und Terry Robinson zeigt seit Jahrzehnten: Dopamin erzeugt nicht das Glücksgefühl selbst, sondern das Wollen – die Zugkraft, die Aufmerksamkeit und Körper auf ein Ziel ausrichtet. Das Mögen, der tatsächliche Genuss, läuft über andere Systeme. Bei wiederholter Überreizung sensibilisiert sich das Wollen und koppelt sich vom Mögen ab. Genau das ist die Innenansicht vieler Süchte: Es zieht noch, aber es schmeckt längst nicht mehr. Jaak Panksepp nannte den zugrunde liegenden Schaltkreis das SEEKING-System – die Suchbewegung des Organismus selbst. Sucht wäre dann: ein Suchsystem, das sich an einem Ersatzziel festgelaufen hat.
Kurzfristig funktioniert das sogar. Die Anspannung sinkt, das Grundrauschen wird leiser. Nur wird der Schmerz darunter nicht bearbeitet, sondern überdeckt – und meldet sich verlässlich zurück, oft lauter.
Nur noch ein Glas.
Dasselbe Muster läuft auch ohne Stoff. Zwanghaftes Arbeiten und Erfolgsstreben, Serien bis in die Nacht, das reflexhafte Greifen zum Handy, Essen ohne Hunger, Sport ohne Freude, Beziehungen als Dauerbetäubung – Verhaltensweisen, die als normaler Alltag durchgehen, können dieselben Belohnungsschaltkreise überreizen wie Substanzen. Die Suchtforschung um Nora Volkow und George Koob beschreibt Abhängigkeit deshalb als Kreislauf aus Rausch, Entzugsspannung und wachsender Erwartung – unabhängig davon, ob am Anfang eine Flasche steht oder ein Bildschirm.
Entscheidend ist nicht das Mittel, sondern die Funktion: etwas regulieren, was sich von innen nicht regulieren lässt. Wie folgerichtig solche Strategien aus Sicht des Überlebens sind – und warum sie einmal die bestmögliche Lösung waren –, beschreibt die selbst betroffene Autorin von dis-sos.com eindrücklich in ihrem Text über die Logik des Überlebens.
Auf Dauer trägt die Strategie allerdings nicht. Was als Entlastung begann, kostet zunehmend: Erschöpfung, Gereiztheit, Rückzug, körperliche Symptome – bis hin zu dem Punkt, an dem die Betäubung selbst zum größten Stressor geworden ist.
Nur noch kurz.
Mark Solms beschreibt Gefühle als Meldungen des Organismus über unerfüllte Bedürfnisse – unangenehm genau deshalb, damit sie nicht ignoriert werden. In dieser Lesart ist der Schmerz unter der Sucht kein Defekt, sondern eine Nachricht, die seit Langem auf Empfang wartet. Betäubung schaltet den Boten aus, nicht die Botschaft.
Der Weg dreht sich deshalb irgendwann um: nicht mehr weg vom Schmerz, sondern hin. Spüren, welche Anspannung da eigentlich dauernd gehalten wird. Erkennen, welches Bedürfnis hinter dem Griff zum Mittel steht – Ruhe, Kontakt, Trost, Lebendigkeit. Das ist keine Willensleistung, sondern Wahrnehmungsarbeit, und sie beginnt im Körper: dort, wo die Anspannung sitzt, nicht dort, wo der Kopf sie erklärt. Mehr zu diesem Grundmuster – begonnene, nie zu Ende gekommene Schutzreaktionen – im Text über Trauma.
Eines gehört klar gesagt: Eine ausgeprägte Suchterkrankung gehört in ärztliche und therapeutische Begleitung, inklusive körperlichem Entzug, wo er nötig ist – das ersetze ich nicht. Was daneben Raum verdient, ist die leisere Arbeit: den eigenen Anspannungspegel überhaupt wieder wahrnehmen lernen, über Atem und Körper Kontakt aufnehmen zu dem, was bisher betäubt werden musste.
Wenn Du beim Lesen etwas wiedererkannt hast – das Grundrauschen, das Ziehen ohne Genuss –, dann ist das kein Urteil über Dich, sondern eine Spur. Im AtemDialog folgen wir ihr gemeinsam, körperlich, in Deinem Tempo. Ein unverbindliches 20-minütiges Gespräch klärt, ob das der stimmige Rahmen für Dich ist.
Quellen
- Vincent J. Felitti u. a.: „Relationship of Childhood Abuse and Household Dysfunction to Many of the Leading Causes of Death in Adults”, American Journal of Preventive Medicine, 1998 – PubMed. Die ACE-Studie: Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zwischen belastenden Kindheitserfahrungen und späterer Abhängigkeit.
- Kent C. Berridge, Terry E. Robinson: „Liking, wanting, and the incentive-sensitization theory of addiction”, American Psychologist, 2016 – PMC. Zur Entkopplung von Wollen und Mögen.
- George F. Koob, Nora D. Volkow: „Neurobiology of addiction: a neurocircuitry analysis”, The Lancet Psychiatry, 2016 – PubMed. Zum Suchtkreislauf, substanzgebunden wie verhaltensbezogen.
- Gabor Maté: In the Realm of Hungry Ghosts (2008) – Sucht als Antwort auf Schmerz, aus jahrzehntelanger Praxis in Vancouver.
- Jaak Panksepp: Affective Neuroscience (1998) – zum SEEKING-System; Mark Solms: The Hidden Spring (2021) – zu Affekt als homöostatischem Signal.