Du spürst es, bevor Du es verstehst. Ein Satz, der zu scharf war. Eine Stille, die nicht mehr die gute ist. Zwei Blicke, die sich verhaken. Dein Puls zieht an, Deine Schultern gehen hoch, und in Deinem Bauch meldet sich ein einziger Impuls: Tu etwas. Schlichte. Lenke um. Rette das Programm, rette die Stimmung, rette Dich selbst aus diesem Moment, in dem alle Augen zu Dir wandern.
Wenn Du Gruppen leitest, kennst Du diesen Moment. Er kommt selten laut. Meistens kippt es leise – ein Themenwechsel, der zu abrupt wirkt, ein Teilnehmer, der plötzlich aggressiv nachfragt, eine Übung, die zwei Menschen aneinander vorbeiführt statt zueinander. Und dann diese Sekunde, in der Du entscheidest: eingreifen oder aushalten. Danach, egal wie es ausgeht, bleibt oft ein Rest von Scham. Das Gefühl, den Raum nicht gehalten zu haben. Versagt zu haben, wo Führung gefragt war.
M. Scott Peck hat das in seinem Phasenmodell der Gemeinschaftsbildung beschrieben: Auf die Pseudo-Gemeinschaft, in der alle freundlich und glatt miteinander umgehen, folgt fast zwangsläufig das Chaos – Konflikt, Grenzüberschreitung, das Sichtbarwerden von Differenz. Erst danach, durch eine Phase der Leere, wird echte Gemeinschaft möglich. Chaos ist bei Peck nicht die Störung des Prozesses. Es ist Phase zwei von vieren – ein Muster, wie es die Gruppendynamik auch abseits von Peck immer wieder beschreibt. Wer diese Landkarte kennt, muss das Kippen nicht mehr als Notfall lesen, sondern als Schwelle. Mehr dazu, wie Peck die vier Phasen im Detail beschreibt und was das für Deine Rolle als Host bedeutet, findest Du in der Ressource Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck.
Das ändert nichts an der Hitze des Moments. Aber es ändert die Frage, die Du Dir stellst. Nicht mehr: Wie bringe ich das wieder in Ordnung? Sondern: Was will hier ge—
Stopp. Genau das war er gerade, der Moment. Der Satz, der zu glatt weiterlaufen wollte, während im Raum längst etwas anderes passiert. Bleib kurz hier. Nicht weiterschreiben, weiterlesen, weiterlenken – erst spüren, was gerade tatsächlich da ist.
Er kommt aus Deinem eigenen Nervensystem, das die Spannung nicht mehr aushält. Retten ist, ehrlich betrachtet, oft Selbstberuhigung im Kostüm der Verantwortung. Du greifst ein, damit Du wieder ruhig wirst – nicht, weil die Gruppe es in diesem Moment braucht.
Halten heißt etwas anderes. Es heißt, in Deinem eigenen Körper zu bleiben, während das Chaos im Raum ist. Es heißt, die Spannung nicht sofort zu glätten, sondern sie erst einmal auszuhalten – als Information, nicht als Fehler. Das ist unbequem. Es fühlt sich in dem Moment nicht nach guter Leitung an. Es fühlt sich an, als würdest Du nichts tun. Genau das ist oft der Punkt.
Wenn es kippt, brauchst Du keine Technik, die das Chaos auflöst, sondern etwas, das Dich selbst trägt – damit der Raum sich an Dir orientieren kann, ohne dass Du ihn überschreibst. Was hier wirkt, ist im Kern Koregulation: Dein Nervensystem wird zum Referenzpunkt, an dem sich die anderen beruhigen können – nicht, weil Du die Spannung löst, sondern weil Du sie hältst. Dass ein anderes Nervensystem als Referenzpunkt messbar reguliert, zeigt etwa die Handhalte-Forschung von James Coan – nachzulesen in Berührungshunger.
Der eigene Atem, der eigene Boden. Bevor Du sprichst oder handelst: ein bewusster Atemzug, die Füße spüren, das Gewicht im Sitzen oder Stehen. Das dauert zwei Sekunden und verändert, aus welchem Zustand heraus Du reagierst.
Benennen statt lösen. Statt die Spannung wegzumoderieren, sag, was da ist: „Ich merke, hier ist gerade viel Energie im Raum.” Das Benennen gibt der Gruppe die Situation zurück, statt sie ihr abzunehmen.
Verlangsamen. Tempo ist oft der eigentliche Hebel. Eine langsamere Stimme, eine Pause vor der Antwort, ein bewusst gesetzter Moment der Stille – das nimmt der Situation die Eskalationsgeschwindigkeit, ohne den Inhalt zu unterdrücken.
Die Spannung dem Raum zurückgeben. Nicht jede Spannung gehört Dir zu lösen. Eine Frage wie „Was braucht es jetzt von uns als Gruppe?” verschiebt die Verantwortung dorthin, wo sie oft hingehört – auch dann noch trägst Du den Rahmen, aber Du trägst nicht mehr allein den Inhalt.
Wie diese Haltung grundsätzlich aussieht, beschreibe ich in Kreiskultur – dem Text, der meiner Arbeit mit Gruppen zugrunde liegt. Als Format, das Intensität nicht vermeidet, sondern bewusst kanalisiert, dient das ZEGG-Forum: eine Struktur, in der Konflikt und Wahrheit Raum bekommen, ohne die Gruppe zu sprengen. Und wenn Du Halten unter Spannung nicht nur verstehen, sondern körperlich einüben willst, ist Kreis & Kontakt ein Ort dafür – dort lernst Du, in intensiven, oft kippenden Momenten present zu bleiben, ohne zu retten und ohne zu erstarren.
In einem 20-Minuten-Gespräch schauen wir gemeinsam auf Deine Praxis und Deine wiederkehrenden Kipp-Momente.
Quellen: M. Scott Peck, The Different Drum: Community Making and Peace (1987). Zum Umgang mit Konflikt und Autorität in Gruppenprozessen vgl. auch Arnold Mindells Prozessorientierte Psychologie (Sitting in the Fire, 1995), die Eskalation als notwendigen Teil demokratischer Gruppenprozesse beschreibt.