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Stell Dir einen Kreis vor. In der Mitte ein Stuhl, vielleicht zwei. Eine Person setzt sich hin – und zeigt, was in ihr los ist. Nicht erzählt, nicht erklärt. Zeigt. Die Gruppe sitzt darum herum und schaut zu. Niemand kommentiert, niemand rät, niemand tröstet vorschnell. Das ist, in seiner einfachsten Form, das ZEGG-Forum.

Es ist kein Therapieformat und keine Gesprächsrunde. Es ist eine ritualisierte Bühne: ein Rahmen, der es einem Menschen erlaubt, sein Inneres öffentlich sichtbar zu machen, während eine Gruppe bezeugt, was da ist – ohne es sofort einzuordnen oder zu bewerten. Für alle, die selbst Gruppen leiten oder Kreise halten, lohnt sich ein genauerer Blick, weil hier ein Prinzip sehr klar herausgearbeitet wurde, das in vielen Gruppenformaten nur diffus vorkommt: das Bezeugtwerden als eigener Wirkfaktor.

Die Person in der Mitte bringt etwas mit, das sie bewegt – ein Konflikt, eine Trauer, eine Freude, eine Verwirrung, oft auch etwas, das ihr selbst noch unklar ist. Sie muss es nicht in Worte fassen können. Das Forum arbeitet ausdrücklich auch mit Körper, Bewegung, Übertreibung, Klang.

Die Leitung (Facilitator:in) begleitet diesen Prozess von außen. Sie stellt Fragen, die vertiefen statt analysieren, lädt manchmal zur Übertreibung eines Gefühls oder einer Haltung ein, damit sichtbar wird, was sonst unter der Oberfläche bleibt, und sorgt für den Rahmen: Tempo, Sicherheit, Abschluss. Die Leitung deutet nicht, sie hält den Prozess.

Die Gruppe sitzt im Kreis und bezeugt. Bezeugen heißt hier: aufmerksam da sein, ohne die Szene sofort zu kommentieren oder für sich zu vereinnahmen. Erst am Ende, wenn die Leitung dazu einlädt, spiegelt die Gruppe zurück, was sie berührt, erinnert oder bewegt hat – als Resonanz, nicht als Urteil.

Erstens die Darstellung und Übertreibung innerer Anteile. Wer in der Mitte sitzt, wird oft eingeladen, ein Gefühl oder eine innere Figur größer zu machen, statt es klein zu halten – die Wut lauter, die Angst deutlicher, den Stolz sichtbarer. Das ist kein Selbstzweck. Übertreibung macht etwas erkennbar, das im Alltag meist unterdrückt oder überspielt wird. Genau darin liegt oft die Erleichterung: Das, was bisher heimlich war, darf für ein paar Minuten laut sein.

Zweitens das Prinzip des Bezeugens ohne Bewertung. Die Gruppe ist nicht Publikum im Sinne von Beurteilung, sondern Zeugin. Dieser Unterschied ist der eigentliche Kern des Formats: Etwas, das gesehen wird, ohne begutachtet zu werden, verändert seinen Charakter. Scham verliert Kraft, wenn sie sichtbar sein darf und nichts Schlimmes passiert. Das ist keine esoterische Behauptung, sondern eine einfache soziale Erfahrung, die sich in vielen Gruppenkontexten wiederholt: Sichtbarkeit unter wohlwollenden Augen wirkt anders als Sichtbarkeit unter prüfenden.

Es wurde dort über Jahrzehnte als internes Werkzeug für Gemeinschaftsbildung entwickelt – für eine Gruppe von Menschen, die dauerhaft zusammenlebt und Konflikte, Zugehörigkeit und Nähe fortlaufend verhandeln muss.

Das ist wichtig für die Einordnung. Das Forum ist kein klinisch validiertes Verfahren und keine Erfindung eines einzelnen Therapeuten mit Ausbildungsnachweis, sondern ein in einem spezifischen Gemeinschaftskontext gewachsenes Ritual. Es trägt die Handschrift dieses Kontexts: eine hohe Bereitschaft zu Offenheit und Selbstexposition, wie sie in Kommunen kultiviert wird, aber nicht selbstverständlich in jeder Gruppe vorausgesetzt werden kann. Wer das Format übernimmt, sollte diesen Unterschied kennen und den Rahmen entsprechend anpassen, statt ihn unreflektiert zu kopieren.

Nicht die Analyse, nicht der Rat, nicht die Lösung – sondern der Moment, in dem jemand mit dem, was er fühlt, gesehen wird und der Raum hält. Viele Prozessarbeiten unterschätzen das und springen zu schnell in Deutung oder Intervention.

Die zweite Lehre betrifft die Rollenklarheit. Das Forum funktioniert nur, weil Leitung und Gruppe unterschiedliche Aufgaben haben und diese nicht vermischen. Eine Gruppe, die vorschnell kommentiert, verhindert genau das, was heilsam wirken könnte. Eine Leitung, die selbst deutet statt vertieft, nimmt der Person in der Mitte den eigenen Prozess weg.

Bezeugtwerden ohne Bewertung ist ein eigener Wirkfaktor, den ein guter Rahmen erst ermöglicht. Wie ich diesen Rahmen halte – wann ich strukturiere, wann ich zurücktrete, wie viel Übertreibung ein Raum tragen kann – hängt immer von der konkreten Gruppe ab.


Das Prinzip des Bezeugens trägt auch meine Kreis- und Kreis & Kontakt-Formate. Mehr zu meiner Haltung in Kreiskultur.